Vom Klimaschutz zur Klimafolgeanpassung: Der Landkreis Sankt Wendel geht neue Wege
Wie eine ländliche Region im Saarland sich für die Herausforderungen der Zukunft wappnet
Der Landkreis Sankt Wendel ist längst Vorreiter beim Klimaschutz. Schon vor der bundesweiten Energiewende startete hier 2012 die Initiative „Null-Emission Landkreis St. Wendel" mit dem ehrgeizigen Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden. Ein eigener Klimaschutzmanager koordiniert seitdem Projekte für erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Doch in den letzten Jahren wurde deutlich: Klimaschutz allein reicht nicht mehr aus.
Wenn Klimaschutz auf Klimarealität trifft
Der Klimawandel ist längst keine ferne Bedrohung mehr – er ist Gegenwart. Auch im nördlichen Saarland zeigen sich die Folgen: Starkregen und Überschwemmungen wechseln sich mit Hitzeperioden und Dürren ab. Die Ahrtalkatastrophe 2021, extreme Unwetter im Saarland und lokale Tornados haben gezeigt: Selbst bei erfolgreicher CO₂-Reduktion müssen wir uns auf veränderte Klimabedingungen einstellen.
Hier beginnt die Klimafolgeanpassung – die zweite Säule neben dem Klimaschutz. Während Klimaschutz versucht, den Klimawandel zu bremsen, bereitet uns die Klimafolgeanpassung auf seine unvermeidbaren Auswirkungen vor. Beide Strategien ergänzen sich und sind gleichermaßen wichtig für eine lebenswerte Zukunft.
Das Saarland im Fokus des Klimawandels
Das Saarland und der Südwesten Deutschlands gehören zu den Regionen, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sein werden. Klimaprojektionen zeigen: Bis 2050 ist mit einem Temperaturanstieg von 0,8 bis 1,7 Grad Celsius zu rechnen, einer Verdoppelung der Hitzetage und zunehmenden Extremwetterereignissen. Die Sommerniederschläge nehmen ab, während die Winterniederschläge zunehmen – eine ungleichmäßige Verteilung, die sowohl Dürren als auch Überschwemmungen wahrscheinlicher macht.
Für einen ländlich strukturierten Landkreis wie Sankt Wendel bedeutet das besondere Herausforderungen: Die Land- und Forstwirtschaft muss sich auf längere Trockenperioden einstellen, die touristische Infrastruktur rund um den Bostalsee auf Extremwetterereignisse, und die kleinen Gemeinden auf Starkregen und Überflutungen durch über die Ufer tretende Bäche.
CliRAs: Europäisches Vorzeigeprojekt für Klimarisikobewertung
Mit dem Projekt CliRAs-WND (Climate Risk Assessment – Landkreis Sankt Wendel) geht der Landkreis jetzt den nächsten entscheidenden Schritt. Als einzige deutsche Region nimmt Sankt Wendel am europäischen Forschungsprogramm EU CLIMAAX teil, das mit 200.000 Euro vollständig von der EU gefördert wird. Von März 2025 bis Dezember 2026 werden gemeinsam mit über 40 regionalen Akteuren aus Politik, Verwaltung, Hilfsorganisationen und Verbänden die Klimarisiken systematisch analysiert.
Das Besondere am Projekt: Es entstehen konkrete Werkzeuge für die Praxis – Gefahrenkarten, Informationsbroschüren und Planungsleitfäden, die der Bevölkerung über lokale Medien zugänglich gemacht werden. Themenspezifische Workshops zu kritischen Infrastrukturen, Verwaltung und Unternehmen sorgen dafür, dass alle Bereiche einbezogen werden.
Synergien nutzen: Von Smart Cities bis Katastrophenschutz
Der Landkreis Sankt Wendel zeigt, wie Klimaanpassung funktioniert, wenn verschiedene Projekte intelligent verzahnt werden. Das Smart-Cities-Projekt mit 17,5 Millionen Euro Fördermitteln digitalisiert die Region – und schafft gleichzeitig die Grundlage für besseres Klimarisiko-Management. Wetterstationen und das LoRaWAN-Datennetz liefern Echtzeitdaten, die Frühwarnsysteme ermöglichen.
Das Katastrophenschutzzentrum, das erste seiner Art im Saarland, ist ein weiterer Baustein der Klimaanpassung. Es koordiniert im Ernstfall alle Blaulichtorganisationen und nutzt die digitale Infrastruktur für schnelle Reaktionen auf Extremwetter. Die Erfahrungen aus dem Ahrtal und lokalen Unwettern fließen direkt in die ständige Weiterentwicklung ein.
Warum die ländliche Perspektive zählt
Gerade ländliche Räume wie der Landkreis Sankt Wendel sind vom Klimawandel besonders betroffen, aber oft weniger im Fokus der öffentlichen Debatte. Dabei sind sie besonders verletzlich: Weitläufige Gebiete müssen geschützt werden, die Bevölkerung ist verstreut, und die finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Gleichzeitig bieten ländliche Regionen aber auch Chancen: Kurze Wege, starker Zusammenhalt und die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Der Landkreis Sankt Wendel beweist mit seinen Projekten, dass Klimafolgeanpassung keine technokratische Pflichtübung sein muss, sondern eine Chance für die gesamte Region. Vom Energiewende-Pionier zum Klimaanpassungs-Vorreiter – dieser Weg zeigt, wie nachhaltige Regionalentwicklung im 21. Jahrhundert aussehen kann.
Projektübersicht